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Ready to JOYN?

Die Antwort der »Straßenbauer«

Sipgate

 

 

 

 

Siegeszug

Dezember 1997: Das deutsche Telefon-Monopol fällt in wenigen Tagen, und zwei Düsseldorfer Studenten, Thilo Salmon und Tim Mois, erfinden das erste Tarif-Vergleichsportal billiger-telefonieren.de. Schon jetzt heißt ihr Motto: Telefonieren muss nicht teuer sein. Sechs Jahre später gründen sie den Internet-Telefonie-Anbieter Sipgate. Inzwischen leuchtet das blau-orange Sipgate-Logo von zahlreichen Smartphone-Displays in Europa und den USA - und ist den großen Telefongesellschaften ein Dorn im Auge.

Neben Hersteller-Größen wie Apple und Blackberry sind es vor allem auch Internet-Startups wie Sipgate, die das Milliardengeschäft der Netzbetreiber in die Knie zwingen könnten. Warum sich noch kurz fassen, wenn Kommunikationsplattformen wie Facebook und Twitter grenzenlosen Chat- und Datenverkehr ermöglichen? Wozu noch Geld fürs Telefonieren ausgeben, wenn Voice-over-IP-Firmen wie Skype und Sipgate kostenlose Audio- und Videoübertragungen anbieten? Und dank Multimedia-Applikationen wie WhatsApp reicht schon ein einziger Klick, um unter einer Vielzahl von Kommunikationsmöglichkeiten zu wählen.

Durch den Erfolg von iPhone & Co. drohen SMS und klassische Mobilfunk-Telefonie obsolet zu werden. Werden die großen Netzwerkbetreiber mit ihrem Flaggschiff untergehen? Oder ist der Traum vom Telefonieren als Freeware noch Zukunftsmusik von morgen?

Mobiles Internet

Die sogenannte Voice-over-IP-Technologie (VoIP), die Stimmübertragung und Multimedia-Sessions via Internetprotokoll erlaubt, ist nicht neu. Bereits 1973 entwickelt, ist sie Skype-Usern schon lange als Alternative bekannt, um teure Roaming-Kosten bei Mobilgesprächen ins Ausland zu vermeiden.

Auch mobiles Internet ist schon seit den 1990er Jahren möglich, wenn auch erst die Einführung schnellerer Datenübertragungsstandards Anfang des neuen Milleniums die Technologie für ein Massenpublikum attraktiv machte. Doch erst als Apple mit seinen kundenfreundlichen iPhone-Applications neben anderer Software auch VoIP im schicken neuen Gewand präsentierte, kam die Revolution ins Rollen. Damit schaffte Apple den idealen Nährboden für IT-Start-ups wie etwa die Entwickler der derzeit beliebtesten Multimedia-App: WhatsApp. Über WhatsApp lassen sich gesprochene und geschriebene Nachrichten ebenso wie Videobotschaften verschicken. Und das für 79 Cent Download-Gebühr im Appstore oder für eine jährliche Nutzungsgebühr von 0,99 Dollar nach den ersten 12 Monaten auf allen anderen Geräten. »Wenn WhatsApp eine Funktion zum Telefonieren einbaut«, prophezeit Sypgate-Mitbegründer Mois vor diesem Hintergrund, »werden die Mobilfunker weggespült.«

Smartphone-Hype vs. Internet-Skepsis

Die Statistik unterstützt ein solches Niedergangsszenario: Der Absatz von Smartphones steigt 2011 im Vergleich zum Vorjahr um 88 Prozent; 2012 ist jedes zweite neu verkaufte Handy in Deutschland ein Smartphone. Gleichzeitig bricht das SMS-Geschäft europaweit um etwa neun Prozent ein, weil die Internetkonkurrenz die Preise der Mobilfunkanbieter drückt. Die tatsächliche Anzahl der verschickten SMS dagegen steigt seit 2007 stetig - zuletzt auf fast 125 Millionen Kurznachrichten pro Tag. Und eine aktuelle Horizont-Studie entlarvt das iPhone als das unbeliebteste Gerät des Jahres. Hier spielen sicher auch Traditionsbewusstsein und Benutzerfreundlichkeit eine Rolle: Die SMS ist längst zum Kulturgut geworden und viele Kunden verzichten nur ungern auf Altbewährtes.

Trotzdem wird die Luft in der Telekommunikationsbranche merklich dünner. So versuchen Mobilfunkanbieter ihre Kunden mit immer günstigeren Flatrate-Tarifen zu binden. Jüngstes Beispiel hierfür ist die neue Marke Yourphone des Düsseldorfer Anbieters E-Plus, die das Allnet-Gesamtpaket - uneingeschränkte Internetnutzung, Festnetz- und Mobiltelefonie - zum Discountpreis von 19,90 Euro im Monat anpreist und die günstigsten Angebote der Konkurrenz damit um gut ein Drittel unterbietet.

Ein Gegenschlag in Sachen Flatrate-Dumping ist derzeit nicht zu erwarten. Denn die Konkurrenz ist weitaus mehr darum bemüht, auf den Zug »Mobile Phoning« umzusteigen, bevor der ihnen davonfährt. »Wir müssen unser gesamtes Geschäftsmodell umbauen«, deutet gar René Schuster von O2 die Zeichen der Zeit.

 

Kowalzik

»Die SMS ist noch lange nicht tot. Auch in Zeiten von Smartphones, IP-basierten Messaging-Diensten und Mobile Internet bleibt sie weiterhin die am häufigsten verwendete Methode, um Kurznachrichten zu versenden. Daher ist sie für Anbieter als Ergänzung zu Messaging-Diensten etc. durchaus immer noch attraktiv.«

Michael Kowalzik, CEO tyntec

 

Joyn

 

 

 

LTE Sendemast

LTE-Sendemast: Die großen Mobilfunkanbieter treiben den Ausbau des superschnellen Übertragungsstandards voran.

 

 

Düsseldorf

Düsseldorfs Oberbürgermeister Dirk Elbers schaltet zusammen mit Fritz Joussen, CEO Vodafone, das LTE-Netz offiziell an.

Joyn - das Ende der SMS?

RCS-e (Rich Communication Suite Enhanced) heißt das Wundermittel, das die große Wende herbeiführen soll. Das gemeinsame Mamutprojekt des internationalen Verbands der Mobilfunkanbieter (GSMA) soll WhatsApp, Viber, Pinger & Co. den Kampf ansagen. Der Messengerdienst, der im Februar  anlässlich des Mobile World Congress in Barcelona unter dem Namen Joyn vorgestellt  wurde, ist in Deutschland derzeit nur über den Düsseldorfer Netzspezialisten Vodafone erhältlich. Aus Bonn heißt es, dass die Deutsche Telekom im Sommer nachziehen will; O2 hat ebenfalls eine Beteiligung angekündigt. Zunächst läuft die Technologie nur auf dem von Vodafone vertriebenen Samsung-Gerät Galaxy S II. Nokia, Sony und andere Hersteller haben jedoch entsprechende Nachrüstungen angekündigt. Allein Apple vertraut lieber auf die eigenen Multimedia-Dienste.

RCS-e erlaubt das kostenlose Verschicken von Daten aller Art, seien es Bilder, Videos oder Textnachrichten. Kritiker bemängeln allerdings, dass Joyn den Nutzern keinen Mehrwert gegenüber vergleichbaren Smartphone-Applikationen biete. Thorsten Höpken von Vodafone verteidigt die neue Technologie folgendermaßen: »Für die Smartphone-Nutzer ist das Neue an RCS-e, dass es unterschiedliche Multimedia-Dienste direkt in die Grundfunktionen des Geräts integriert.« So erkennt die Software etwa, über welchen Kommunikationskanal der gewünschte Gesprächspartner am besten zu erreichen ist: Erhält sie beispielsweise die Information, dass der Betreffende gerade bei Facebook eingeloggt ist, erfolgt die Kontaktaufnahme über die Chatfunktion des sozialen Netzwerkes. Damit spielt es für den User keine Rolle mehr, welchen Messaging-Dienst der Gesprächspartner gerade nutzt.

LTE: Über den Wolken

Für den Kunden hat der Run auf das mobile Internet vor allem eines zur Folge: verstopfte UMTS-Netze. Darum treiben die Telefongesellschaften derzeit den Ausbau von  LTE-Netzen voran. Bis zu 100 Megabit pro Sekunde lassen sich mit »Long Term Evolution« übertragen. Das Herunterladen eines Spielfilms in hoher Auflösung dauert damit knapp fünf Minuten.

Zudem ist die neue Technik auch noch stromsparend - das reinste Streaming-Eldorado für Verbraucher. Für die Netzbetreiber hat die Sache nur einen Haken: Um eine landesweite Netzversorgung zu gewährleisten, hat die Bundesnetzagentur bei der Lizenzvergabe den Betreibern auferlegt, ländliche Gegenden ohne Netzversorgung zuerst zu bedienen. So ist LTE in den meisten Ballungsräumen noch ein Fremdwort. Doch das soll sich bald ändern: Schon im Sommer 2011 stellte die Deutsche Telekom die neuen Netze ihren Kunden im Großraum Köln zur Verfügung. Mehr als 100 weitere Städte, darunter auch weitere Metropolen an Rhein und Ruhr, sollen 2012 folgen.

Sogar der Luftverkehr soll demnächst LTE-vernetzt werden. So arbeiten Telekom, Alcatel-Lucent und Airbus derzeit an einer LTE-gestützten Internet-Versorgung von Flugzeugen als effizientere Alternative zum bislang üblichen Satellitenanschluss. Bereits im November 2011 fand ein erster Testflug über Sachsen-Anhalt statt.

Leider gibt es bisher keine Flatrate-Tarife, die es dem Verbraucher erlauben, die volle Kapazität der neuen Highspeed-Kanäle auszuschöpfen. So macht das Abriegeln des Internet-Accounts ab einem gewissen Download-Volumen LTE nicht für alle Nutzer attraktiv.

Telco & Internet: in bed with the enemy

Allerdings haben auch die Bemühungen der Betreiber in Sachen LTE-Ausbau einen bitteren Beigeschmack. »Wenn jemand glaubt, die Dinge liefen schon jetzt schlecht für die Netzbetreiber, dann sage ich nur: Wartet ab, bis LTE da ist!«, so die düstere Prophezeiung von Steven Shaw, Marketingleiter des US-amerikanischen Netztechnik-Spezialisten Kineto.
Tatsächlich bleibt zu befürchten, dass die Netzwerkanbieter am Ende zu reinen »Straßenbauern« degradiert werden in einem System, in dem andere die Verkehrsregeln machen.

Michael Kowalzik, Geschäftsführer des Dortmunder IT-Unternehmens tyntec, sieht die Zukunft seiner Branche darum in der Zusammenarbeit mit den Internetunternehmen: »In bed with your enemy: how telco and internet can become friends with benefits«, lautet der Titel eines tyntec-Seminars auf dem Mobile World Congress. Diesem Trend folgt auch die Deutsche Telekom, die sich im März 2012 mit 7,5 Millionen Dollar bei dem amerikanischen Messaging-Spezialisten Pinger einkaufte - eine Win-Win-Situation: Denn auch die mittelständigen Start-ups haben auf lange Sicht keine Chance, gegen Herstellergiganten wie Apple und Internetikonen wie Facebook zu bestehen.


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