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Local Fiction

»Ich will keinen Pudding.«

Cobra11

»Alarm für Cobra 11 - Das Syndikat«( dtp Entertainment): Für das PC-Spiel zur gleichnamigen RTL-Serie wurde die Kölner Innenstadt nachgebaut.



Tatort Dortmund

Der WDR macht Dortmund zum »Tatort«.

Der Wagen überschlägt sich, der Tank explodiert und die Szenerie zerbirst in einem gleißenden Feuerball. Nur die Zwillingstürme des Kölner Doms ruhen unbeeindruckt im Hintergrund. Für die rund fünf Millionen Zuschauer der aufwendigen RTL-Actionserie »Alarm für Cobra 11 - Die Autobahnpolizei« sind rasante Verfolgungsjagden ebenso Bestandteil der Serie wie die Kölsche Anpack-Mentalität der beiden Hauptfiguren: Wenn die Autobahnpolizisten Semir Gerkhan und Ben Jäger jeden Donnerstagabend zur Primetime Gas geben, dann »bliev nix wie et wor«.

Mit einem Marktanteil von über 18% trägt »Alarm für Cobra 11« nicht unwesentlich zum RTL-Erfolg bei und sorgt zudem für positive Schlagzeilen: Erst kürzlich wurde die Serie mit dem »Taurus World Stunt Award«,  der weltweit prestigeträchtigsten Auszeicnung für Stunt-Künstler, geehrt.
Mit dem Bekenntnis zum Regionalen folgt »Alarm für Cobra 11« einem Trend, der bei den Öffentlich-Rechtlichen längst bewährtes Konzept ist: Lokalkolorit kommt an. Regional eingefärbtes Unterhaltungsfernsehen hat längst den bittersüßen Beigeschmack von schnulzigem Eskapismus und nostalgischem Heimatfernsehen verloren.

»Tatort« schlägt den »Superstar«

Laut einem Zuschauerranking des Onlineportals meedia.de für die Saison 2010/11 waren 42 der 100 beliebtesten Sendungen hierzulande deutsche Eigenproduktionen. Regionale Fiction-Formate wie »Tatort« und »Um Himmels Willen« (beide ARD) platzierten sich dabei sogar noch vor beliebten Casting- und Spielshows wie »Deutschland sucht den Superstar« und »Wer wird Millionär« (beide RTL).

Der »Tatort« (8,6 Millionen Zuschauer) belegt im Ranking schon seit Jahren Platz 2, konnte im vergangenen Jahr jedoch noch mal um 3,8% zulegen und rückte dem ewigen Klassenbesten »Wetten, dass…?« (8,9 Millionen Zuschauer) damit gefährlich  auf die Pelle.  Da ist es nicht verwunderlich, dass der WDR auf den Erfolg des Formats reagiert, indem er ab Oktober mit dem »Tatort Dortmund« ein weiteres Ermittlungsteam ins Rennen schickt. »Zuschauer wollen Fälle, die in realen Lebenswelten spielen«, erklärt Autor Klaus-Peter Wolf den fast schon zur Bedingung gewordenen Regionalismus in Kriminalserien.

 

Neben dem »Tatort« prägen vor allem US-amerikanische Crime-Formate die deutsche Krimilandschaft: Während älteren Sendungen oft regionale Sozialprobleme als Aufhänger für die Verbrecherjagd dienten, orientieren sich neuere Serien wie »Cobra 11« oder die SAT1-Produktion »Der letzte Bulle« (seit 2009) häufig an Vorbildern wie »CSI: Den Tätern auf der Spur«: »Coole Sprüche und scharfe Kisten«, heißt hier die Devise.



3D-Zeitleiste


Lottokoenige

»Die Lottokönige« (WDR) - eine Essener Familie im Lottoglück.






»Die LottoKönige« starten durch

Das Erfolgsrezept »regionale Würze« funktioniert aber nicht nur im Crime-Genre. So setzt der WDR etwa mit seiner neuen Comedy-Serie »Die LottoKönige«, die jeden Sonntag auf dem alten Bundesliga-Sendeplatz um 21:15 läuft, auf flapsigen Ruhrpott-Humor.

Mit der Eigenproduktion führt der Westdeutsche Rundfunk eine lange Tradition von Familiensendungen mit Bezug zum Sendegebiet fort, die mit dem berühmt-berüchtigten »Ekel Alfred« in »Ein Herz und eine Seele« ihren Anfang nahm und in jüngerer Zeit mit »Die Anrheiner« - die neue Staffel trägt den leicht »kriminalisierten« Namen »Ein Fall für die Arheiner« - einen weiteren Quotenhit erzielte.

»Die LottoKönige« erzählt aus dem Leben einer Arbeiterfamilie aus Essen-Steele. Auf Anraten des Psychologen der Lottogesellschaft halten die Königs ihren Millionengewinn geheim. Schließlich will niemand riskieren, eine Schlange von Bittstellern auf den Plan zu rufen, die am Ende noch »bis nach Duisburg« reicht.

Zum Serienstart  am 29. April 2012 lockte die Sitcom 1,8% der Gesamtzuschauer und 1,1% der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen vor die Mattscheibe - und liegt damit gut im Senderdurchschnitt des WDR-Regionalprogramms. Das Format basiert auf einem österreichischen Vorbild, das seit 2009 erfolgreich im ORF läuft.

Beim jüngeren Publikum galt das »Heimatfernsehen« der Nachkriegszeit seit den 1980er Jahren als realitätsfern und rückständig. Doch die beschauliche Landidylle, die der ein oder andere noch mit Serien wie »Die Schwarzwaldklinik« oder »Der Landarzt« verbinden mag, kontern die »LottoKönige« mit urbaner Ruppigkeit. So lässt Mutter König (Sandra Borgmann) auch schon mal die Pottsau raushängen, wenn sie auf das Glas Eierlikör, das ihr Mann ihr zur Verdauung des Millionengewinns reicht, ausruft: »Ich will keinen Pudding, ich will richtigen Alkohol!«

»München Bayerstr.« statt »CSI Miami«

Der Publikumserfolg des Konzepts verleitet auch die privaten Sender zu einem Vorstoß in Richtung regionale Formate. 2012 will RTL-Deutschlandchefin Anke Schäferkodt verstärkt auf Eigenproduktionen mit  Lokalkolorit setzen.

»Lokale Fiction-Formate sind auf dem Vormarsch«, erklärt die Geschäftsführerin der RTL-Gruppe bei der Präsentation des Sender-Programms 2012 in Wien: »Vor wenigen Jahren hat noch die US-Fiction alles dominiert. Jetzt ist das wieder ausgeglichener.«

Grund für den Trend sei, dass US-Serien in Deutschland immer schwieriger zu vermarkten seien, weil amerikanische Sender verstärkt für den eigenen Markt produzierten. So setze man in der USA derzeit gerne auf Themen wie den Afghanistankrieg oder den 11. September. Was bei »CSI« und Co. noch funktionierte, weil der Regionalismus hier nur im Namen, nicht aber im Content steckte, wird zunehmend schwieriger, wenn mit politischer Realität auch fremde Mentalitäten vermarktet werden müssen. Da lohnt dann schon mal der Blick in die rheinische Provinz oder die Münchener Innenstadt als Alternative zu New York und Miami.

Das hat sich auch RTL-Konkurrent PROSieben/Sat1 auf die Fahnen geschrieben und dreht derzeit gleich zwei neue Crime-Serien, die mit regionalem Charme punkten wollen: In der Constantin-Produktion »München Bayerstraße« trifft bei der Verbrechensjagd bayrischer Adel auf Münchener Schnauze, während die H&V-Produktion »Familie Undercover« einen Kölner Großstadt-Cop samt Familie zum Zeugenschutz in die Provinz schickt. Premiere feiern beide Serien im Herbst dieses Jahres.

Dialekt kommt an

Dass deutsche Serien mit Lokalkolorit besonders gerne in Bayern und dem Rhein-Ruhr-Gebiet angesiedelt werden, ist kein Zufall. Neben einem positiven Selbstbild dieser Gebiete trägt auch die Beliebtheit ihrer Dialekte zu einer guten Quotenbilanz bei.

So ist Bayrisch nach einer aktuellen Umfrage des  Meinungsforschungsinstituts Emnid der beliebteste deutsche Akzent. Rheinisch und Ruhrpott-Dialekt sind auf den Plätzen 6 und 8 ebenfalls gern gehört.

Eines der besten Beispiele dafür, dass regionale Mundart als Stilmittel auch über die Ländergrenzen hinweg funktioniert, ist die BR-Produktion »Dahoam is dahoam« - mit über 3% Marktanteil ein Überraschungserfolg für den Regionalsender. Dass hier munter auf Bayrisch »geratscht« wird, trägt sicher auch zum Authentizitätsanspruch der Serie bei, die 2012 schon ins fünfte Sendejahr geht. Schließlich will die Sitcom »Gschichten ausm Leben« erzählen - und siedelt sich damit in direkter Nachbarschaft zu klassischem Reality-TV an. »Gescriptete« Wirklichkeit, der beste Garant für eine starke Zuschaueridentifikation, hat beide Schwesterformate populär gemacht und ist aktuell womöglich die revolutionärste und kontroverseste Entwicklung im deutschen Fernsehen.


Ute Biernat

»›Heimat‹ und ›Lokalkolorit‹ spielen eine große Rolle. Auf das Stichwort ›Globalität‹ folgt jetzt das Stichwort ›Lokalität‹, als Pendant. Menschen identifizieren sich gerne mit ihrem eigenen Umfeld. Das kann man dann auch verkaufen. Es kommt auf das Format, auf die Struktur der Geschichte an.«

Ute Biernat, CEO Grundy Light Entertainment


Katzenberger

Reality-TV

Lokalkolorit, regionale Mundart und authentische Schauplätze - die Zutaten lokaler Fiction-Formate zeigen: Wirklichkeitssimilation kommt an. Noch besser gelingt das dem sogenannten »Realitätsfernsehen«.

So kommt eine aktuelle Studie der Göfak-Medienforschung, von den Landesmedienanstalten in Auftrag gegeben, zu dem Ergebnis, dass Reality-TV bei den Privatsendern einen erheblichen Anteil der Sendezeit ausmacht: Mit 40% führt VOX das Ranking an, dicht gefolgt von RTL (38%) und SAT1 (30%). Im Falle von VOX und RTL sind das 9 Stunden pro Tag.

Am profitabelsten für die Sender sind sogenannte »Scripted-Reality«- oder skript-affine Formate in der Machart von Gerichtsshows (»Richterin Barbara Salesch«), Personal-Help-Sendungen (»Die Super-Nanny«) und Doku-Soaps (»Goodbye, Deutschland«). Bewusst werden hier die Grenzen zwischen Realität und Fiktion aufgeweicht, um dem Plot beim Zuschauer Authentizität zu verleihen. Auf diese Weise ist für das Publikum häufig nicht einmal nachprüfbar, ob eine bestimmte Sendung tatsächlich »Wirklichkeit« abbildet oder einem Drehbuch folgt.

Damit unterscheidet sich das Subgenre von »reinen« Reality-Formaten wie etwa Castingshows (»Deutschland sucht den Superstar«, »Germany’s next Topmodel«, »Popstars«), Spielshows (»Wer wird Millionär?«) oder Real-Life-Experimenten (»Big Brother«).

Auf Seiten der Produzenten ist die Popularität dieses Formats den günstigen Produktionskosten im Verhältnis zu hohen Einschaltquoten geschuldet. Anders als bei Castingshows, wo der Erfolg des Formats häufig von der Verpflichtung populärer, meist hochbezahlter Juroren und Showmaster abhängt, kann für »Scripted Reality« sogar auf Laienschauspieler zurückgegriffen werden - daher der hohe Anteil dieses Formats am Sendeprogramm der Privaten.

Die Faszination des Publikums ist auf psychologische Effekte zurückzuführen wie etwa eine größere Identifikation mit den Protagonisten. Stark sentimental eingefärbte Inhalte aus dem »Alltagsleben« lassen hier schnell die Emotionen hochkochen. 

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