»Gute Zeiten, schlechte Zeiten«Ein Vierteljahrhundert deutsches Privatfernsehen |
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2.1.1984, 17.27 Uhr. Ein Geburtshelfer und Krankenschwestern versammeln sich in einem Operationssaal. Nach wenigen Minuten entbinden sie einen kleinen Fernsehapparat, auf dessen Bildschirm das Logo »RTL plus« flimmert. Das Kind wird in seinen frühen Jahren oft verspottet, verbringt seine Jugend mit allerlei Krawall und provoziert Skandale, ist aber mittlerweile zu einem Erfolgsgaranten herangewachsen. Seit 25 Jahren ist das Privatfernsehen nun auf Sendung und hat den deutschen Fernsehmarkt gründlich aufgemischt. Das »Enfant terrible« des deutschen Fernsehens kommt 2009 tatsächlich dort an, wo es gemessen an seinen Einschaltquoten und Erfolgsgeschichten schon längst hingehört, nämlich ins Zentrum der Medienstadt Köln. In diesem Jahr zieht der Hauptsitz des Senders RTL von Junkersdorf in die denkmalgeschützten Messehallen in Deutz. Der Konzern, zu dem auch VOX, Super RTL und der Nachrichtensender n-tv gehören, ist damit auch geografisch auf Augenhöhe mit dem öffentlich-rechtlichen WDR angekommen. |
»Der wichtigste Grund, warum RTL 25 Jahre so erfolgreich war und ist, ist die Entdeckung der neuen Zielgruppe, nämlich die des Zuschauers. Für den Zuschauer Programm zu machen, war ja nicht selbstverständlich. Die Öffentlich-Rechtlichen haben Gebührenzahler, die haben keine Zuschauer.« Prof. Dr. Helmut Thoma. Ex-Geschäftsführer RTL |
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Hugo Egon Balder und Hella von Sinnen, Zielscheiben in »Alles nichts oder?!«
Günter Jauch reaktivierte mit »Wer wird Millionär?« erfolgreich das Fernsehquiz
Der Bambi für Peter Kloeppel, Anchorman von »RTL aktuell«
Die Entwicklung des deutschen Privatfernsehens seit 1984
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Bescheidene Anfänge Dabei hatte das deutsche Privatfernsehen recht bescheiden begonnen. Am 1. Januar
1984 startete in einem Ludwigshafener Kellerstudio die »Programmgesellschaft für Kabel- und Satellitenrundfunk« (PKS), aus der 1985 Sat.1 hervorgehen sollte. Damals konnten jedoch nur 1.200 Haushalte das Programm überhaupt empfangen, als Teil des Ludwigshafener Kabelpilotprojekts. RTL plus strahlte dagegen sein Programm von Anfang an – mangels deutscher Lizenz von Luxemburg – terrestrisch aus und erreichte somit immerhin schon 200.000 Haushalte. Die technische Basis für die Ausbreitung dieser und weiterer privater Fernsehprogramme lieferte jedoch erst der großflächige Ausbau der Kabelnetze, den die CDU-Regierung unter Helmut Kohl und dem Postminister Christian Schwarz-Schilling vorantrieb. Die CDU erhoffte sich von der Einführung des Privatfernsehens eine ihr politisch günstiger gestimmte Medienlandschaft, als sie sie im linksliberal geprägten öffentlich-rechtlichen Rundfunk vorzufinden glaubte. Wettbewerb der Standorte und Sender In den 1990er-Jahren erlebte der private Rundfunk dank der zunehmenden Verbreitung per Satellit einen wahren Boom und brachte Spartenkanäle wie den Kabelkanal, DSF oder tm3 hervor. Auch das sogenannte Pay-TV wurde in Deutschland vorangetrieben: Schon 1986 startete in Hannover der
Teleclub, aus dem 1991 in München Premiere
hervorgehen sollte. Der wachsende Markt löste naturgemäß einen Wettbewerb der Standorte aus. RTL II emanzipierte sich von seinem großen Bruder durch den Umzug nach München; VIVA zog es nach der Übernahme durch Viacom in die Bundeshauptstadt Berlin. Die Ansiedlung von Sendern zog dafür auch Produktionsfirmen an, die sich in erster Linie auf dem Gelände ehemaliger Industrieanlagen ansiedelten. Der Düsseldorfer Medienhafen, in dem die NRW-Landesregierung die Ansiedlung von Medienunternehmen aktiv förderte, ist eines der bekanntesten Beispiele. In Köln-Mülheim werden ehemalige Fabrikgebäude heute als TV-Studios und Büros für Medienunternehmen genutzt, beispielsweise entstehen hier die ProSieben-Shows von Stefan Raab. Der ehemalige Flughafen »Butzweilerhof« wurde zu einem der wichtigsten Medienzentren des Landes, in dem nicht nur Sender wie VOX und n-tv ihren Hauptsitz etabliert haben. Er ist auch einer der beiden Standorte von Europas größtem Studiokomplex, der »Magic Media Company« (MMC). Der andere und ältere Produktionsstandort befindet sich im nahen Hürth, wo einst populäre Shows wie »Der Preis ist heiß« entstanden und heute Shows aller großen Privatsender produziert werden. Der »Big Brother«-Container in Hürth entwickelte sich sogar zu einer eigenständigen Touristenattraktion. Den Kampf um Marktanteile und Werbeeinnahmen überlebten nicht alle Senderneugründungen. Manche Sender wurden vollständig umgebaut und unter neuen Namen »wiederbelebt«: Dies gilt zum Beispiel für Onyx, das als Doku-Kanal Terranova weiterlebte. Viele Spartenkanäle indes gehören zu den Opfern dieses Kampfes, beispielsweise in jüngster Vergangenheit der Kölner Gaming-Sender GIGA und auch Terranova und der Düsseldorfer Wetterkanal. Locker und lärmig Heute ist dies kaum noch vorstellbar: Vor 1984 gab es tatsächlich nur drei TV-Programme – und einen täglichen Sendeschluss. Jede Sendung wurde von einem Ansager eingeleitet, das Kinderprogramm war pädagogisch wertvoll, und allabendlich versammelte sich die Nation vor der Tagesschau und »Straßenfegern« wie Edgar-Wallace-Krimis. Plötzlich jedoch wurde der Bildschirm von einer rosa Moderatorenpuppe namens Karlchen, einem barbusigen Ballett in »Tutti Frutti« oder fliegenden Torten in »Alles nichts oder?!« erobert. Anders als der Konkurrent Sat.1, der aus dem unerschöpflichen Fundus an Filmen und Serien Leo Kirchs schöpfen konnte, musste RTL den Platz zwischen den Werbeblöcken mit eigenen Ideen und neuen Sendeformaten füllen. »Wir waren Pioniere von Anfang an«, betont der damalige RTL-Geschäftsführer Helmut Thoma. »Wir von RTL sind die Macher gewesen, beim Frühstücksfernsehen, beim 24-Stunden-Betrieb. Ich wollte von Anfang an einen Sender gründen, der anders ist als die Öffentlich-Rechtlichen. Wir von RTL waren also gezwungen, kreativ zu sein.« Die RTL-Nachrichten mit Hans Meiser und Geert Müller-Gerbes sahen damals nicht nur wenig seriös aus, sie sollten es gar nicht sein. Das gesamte RTL-Programm musste billig sein und möglichst viel Aufsehen erregen. Das erreichte der Sender zum einen mit Erotik – nicht nur in »Tutti Frutti«, sondern auch in Ratgebern wie »Eine Chance für die Liebe«. Zum anderen gelang dies vor allem mit Krawall-Talkshows wie »Dall As«, in denen Moderator Karl Dall schon mal Schlagersänger Roland Kaiser beleidig-te, oder »Explosiv – Der heiße Stuhl«, wo Regisseur Rosa von Praunheim ganz nebenbei die Publikumslieblinge Alfred Biolek und Hape Kerkeling als schwul outete. Der Mangel stachelte die Kreativität der Fernsehmacher an, wie RTL-Anchorman Peter Kloeppel betont: »Es war gerade das, was uns stark gemacht hat. Wir waren darauf angewiesen, dass wir mit relativ wenig eigenem Material Fernsehen machen.« Die Abhängigkeit der Privaten von Werbeeinnahmen trieb dabei so manche bizarre Blüte: Die bizarrste ist sicherlich die Erfindung der »werberelevanten Zielgruppe« der 14- bis 49-Jährigen. Thoma entdeckte darin die Gruppe, die überhaupt seinen Sender sah. Die Taktik funktionierte, und 1991 schrieb RTL erstmals schwarze Zahlen. |
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Der Zuschauer, der Star Den Privaten gelang das Kunststück, den Zuschauer selbst zum Star zu machen. Schon in den frühen 1990er-Jahren wurden Kinder in der »Mini-Playback-Show« ins Rampenlicht gestellt. Das war der Startschuss zu Formaten wie »Deutschland sucht den Superstar«, »Big Brother« oder »Bauer sucht Frau«, in denen ganz alltägliche Menschen mitsamt Details ihres Privatlebens zum Mittelpunkt des Interesses und sogar Teil der Popkultur wurden. Qualitäts-TV Kritiker vergessen leicht, dass die Privaten das TV-Angebot nicht nur beträchtlich erweitert haben, sondern durchaus auch Qualität liefern. Das gilt vor allem für Nachrichtensendungen wie »RTL aktuell«: Für seine Berichterstattung zum 11. September 2001 erhielt Peter Kloeppel den Grimme-Preis, 2007 wurde die Sendung gar mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Auch Dokumentationen von »stern-TV« auf RTL oder »dctp« auf VOX liefern regelmäßig journalistisch hochwertige Fernsehware. |
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