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Local Fiction:

»Ja, i wui«

Dahoam Fantage

»Dahoam is Dahoam«: Autogrammstunde im Rahmen der Fantage auf dem Dachauer Filmgelände.

 

Dahoam Drehpause

Drehpause am Set von »Dahoam is Dahoam«

Gespannt erhebt sich die Gemeinde, als sich die Türen der kleinen Dorfkirche öffnen und die strahlende Braut, begleitet von einem Hauch Alpenluft, im himmelblauen Trachtendirndl zum Altar rauscht. Ebenso gespannt verfolgen im Dezember 2011 rund eine Million Fans die 848. Folge der BR-Produktion »Dahoam is Dahoam«, um das »Joa, i wui« von Serienheldin Maria (Daniela März) mitzuerleben.

Mit einem Gesamtmarktanteil von 3,2 Prozent und stolzen 1,4 Prozent bei der werberelevanten Zielgruppe der 14 bis 49-Jährigen liegt »Dahoam is Dahoam« weit über dem Durchschnitt des Regionalsenders. Seit dem Serienstart im Oktober 2007 hat sich die Daily Soap zur erfolgreichsten Vorabendserie im Freistaat entwickelt. Zudem hat die Produktion längst eine Zuschauergemeinde »weit über Bayern hinaus«, wie Bernd Lenze, Vorsitzender des Rundfunkrats, betont. Heimatfernsehen oder »Local Fiction« funktioniert eben noch immer am besten, wenn sie aus der Heimat des Märchenkönigs stammt.

Fantage in »Lansing«

Ein Ende der Familiensaga, die 2010 mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde, ist noch lange nicht in Sicht. Produziert wird das gemeinsame Projekt der Münchener Filmschmiede Constantin und der Polyphon Hamburg in Dachau. Dort bietet der BR regelmäßig Fantage an: Zahlreiche Zuschauer nutzten in den vergangenen Jahren die Gelegenheit, dem beliebten Fernsehdorf »Lansing« einen Besuch abzustatten. So pilgerten seit Drehbeginn über 10.000 Fans nach Dachau, um ein Autogramm von ihren »Lansinger« Helden zu ergattern.

»Gschichtn wie ausm Lebn« will die Serie erzählen: Es geht um heimliche Liebschaften, um Erbschaftsdramen und um die ganz alltäglichen Sorgen einer bayerischen Brauereifamilie, gewürzt mit einer üppigen Portion Lokalkolorit.

Das Erfolgsrezept »made in Bavaria« beweist: Regional eingefärbtes Unterhaltungsfernsehen hat längst den bittersüßen Beigeschmack von schnulzigem Eskapismus und nostalgischem Heimatfernsehen verloren. So kommt die Serie statt mit idyllischer Alpenästhetik auch schon mal mit süddeutscher Ruppigkeit daher, wenn Altbraumeisterin Theresa Brunner (Ursula Erber) sauertöpfisch bemerkt: »I hob scho bügelt, da is holb Lansing no in die Windeln glegn!«


Ulrich Wilhelm

»Trotz des hohen Produktionsdrucks einer täglichen Serie bietet ›Dahoam is Dahoam‹ qualitativ hochwertige Unterhaltung. Mit großem Charme spiegelt die Serie bayerisches Lebensgefühl wider: Das kleine Dorf Lansing ist heute von der oberbayerischen Landkarte nicht wegzudenken.«

Ulrich Wilhelm, Intendant des Bayerischen Rundfunk


 

Der Bulle

Verbrecherjagd auf Bairisch: mit Ottfried Fischer als »Der Bulle von Tölz«

»Tatort« schlägt den »Superstar«

Ute Biernat, Geschäftsführerin von Grundy Light Entertainment, erklärt den Erfolg lokaler Serienformate mit einem gestiegenen Bedürfnis an regionaler Verwurzelung im globalen Zeitalter: »Auf das Stichwort ›Globalität‹ folgt jetzt das Stichwort ›Lokalität‹, als Pendant. Menschen identifizieren sich gerne mit ihrem eigenen Umfeld. Das kann man dann auch verkaufen.«

Das spiegelt sich auch in einem aktuellen Zuschauerranking des Onlineportals meedia.de. Demnach waren 42 der 100 beliebtesten Sendungen 2011 deutsche Eigenproduktionen. Regionale Fiction-Formate wie »Tatort« und »Um Himmels Willen« (beide ARD) platzierten sich sogar noch vor beliebten Casting- und Gameshows wie »Deutschland sucht den Superstar«. Da verwundert es nicht, dass der WDR im Sommer 2012 mit dem »Tatort Dortmund« ein weiteres Ermittlerteam auf Verbrecherjagd schickte.

Mord auf Bairisch

Vor allem die öffentlich-rechtlichen Sender forcieren den Trend zum Lokalen. So setzt der WDR mit seiner im Frühjahr 2012 gestarteten Comedy-Serie »Die LottoKönige« auf ruppigen Ruhrpott-Humor. Mit der Eigenproduktion führt der Westdeutsche Rundfunk eine Tradition von Familiensendungen mit Bezug zum Sendegebiet fort, die mit dem berühmt-berüchtigten »Ekel Alfred« in »Ein Herz und eine Seele« ihren Anfang nahm und in jüngerer Zeit mit »Die Anrheiner« einen weiteren Quotenhit erzielte.
Der BR will mit regionalen Produktionen wie der Alpenkrimi-Reihe »Föhnlage« und der Sitcom »Franzi« an den Erfolg von »Dahoam is Dahoam« anknüpfen. »Wir wollen eine moderne Programmstruktur bieten, die sich noch besser an den Lebensgewohnheiten unserer Zuschauer orientiert«, heißt es aus der Programmabteilung.

Doch nicht nur die Privaten richten derzeit ihr Programm an regionalen Themen aus. RTL-Chefin Anke Schäferkordt hat angekündigt, im Sendejahr 2012/13 verstärkt auf lokale Fiction-Formate zu setzen. »Vor wenigen Jahren hat noch die US-Fiction alles dominiert. Jetzt ist das wieder ausgeglichener«, kommentiert die Senderchefin den neuen Heimatboom. Grund dafür sei, dass US-Serien in Deutschland immer schwieriger zu vermarkten seien, weil amerikanische Sender verstärkt für den eigenen Markt produzierten. So setze man in der USA derzeit gerne auf Themen wie den Afghanistankrieg oder den 11. September. Was bei »CSI« und Co. noch funktionierte, weil der Regionalismus hier nur im Namen steckte, wird zunehmend schwieriger, wenn mit politischer Realität auch fremde Mentalitäten vermarktet werdensollen. Da lohnt dann schon mal der Blick in die bayerische Provinz als Alternative zu New York und Miami.

Dass regionale Würze der Verbrecherjagd zum Quotendurchbruch verhelfen kann, wissen nicht nur die »Tatort«-Veteranen vom ARD: Von 1995 bis 2009 machte der Unterföhringer Privatsender Sat.1 mit der Produktion »Der Bulle von Tölz« Furore, die regelmäßig Quoten von über sechs Millionen Zuschauern erzielte. 2002 brachte es der rundlich-gemütliche TV-Kommisar aus dem verschlafenen Kurstädtchen sogar auf die Titelseiten der Münchener »Abendzeitung«, als er seinen Landeskollegen vom FC Bayern die Show stahl, die zur selben Zeit im ZDF um den DFB-Pokal kickten. Unvergessen bleibt Ottfried Fischers bedächtiges »Woas ma‘as?« auf das empörte »Meinen Sie etwa, ich hab‘s getan?« der entlarvten Verbrecher.
Mit Crime-Highlights wie »SK Kölsch« (1999 bis 2000) und »Der letzte Bulle« (seit 2010) konnte die ProSiebenSat.1-Gruppe auch in den folgenden Jahren mit dem Konzept »Heimatkrimi« punkten.

Angespornt vom Publikumserfolg wartet der Privatsender im Oktober2012 gleich mit zwei neuen Heimat-Produktionen auf: In der Constantin-Produktion »Der Cop und der Snob« trifft bei der Verbrecherjagd der schlitzohrige Münchner Kommissar Gerry Waiblinger (Johannes Zirner) auf den staubtrockenen Preußen Graf von Rehnitz (Marc Ben Puch). Die H&V-Serie »Familie Undercover« schickt einen Großstadt-Cop samt Kind und Kegel zum Zeugenschutz in die Bergische Provinz.

Dialekt kommt an

Dass deutsche Serien mit Lokalkolorit besonders gerne in Bayern und dem Rheinland angesiedelt werden, ist kein Zufall. Neben einem positiven Selbstbild beider Gebiete trägt auch die Beliebtheit ihrer Dialekte zu einer positiven Quotenbilanz bei: So ist Bairisch nach einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid der beliebteste deutsche Akzent – Rheinländisch belegt den sechsten Platz.

Unbestritten ist auch, dass es wesentlich zum Authentizitätsanspruch von Serien wie »Der Bulle von Tölz« und »Dahoam is Dahoam« beiträgt, dass hier munter auf Bayerisch »geratscht« wird. Damit siedelt sich moderne Lokalfiktion in direkter Nachbarschaft zu klassischem Reality-TV an. »Gescriptete« Wirklichkeit, der beste Garant für eine starke Zuschaueridentifikation, hat die Schwesterformate populär gemacht und präsentiert sich aktuell als die revolutionärste und kontroverseste Entwicklung im deutschen TV.



3D-Zeitleiste

Local Fiction im deutschen TV



Popstars

»Popstars« (ProSieben)

Reality-TV

Lokalkolorit, regionale Mundart und authentische Schauplätze – die Zutaten lokaler Fiction-Formate zeigen: Wirklichkeitssimilation kommt an. Noch besser gelingt das dem sogenannten Realitätsfernsehen.

So kommt eine aktuelle Studie der Göfak-Medienforschung, von den Landesmedienanstalten in Auftrag gegeben, zu dem Ergebnis, dass Reality-TV bei den Privatsendern einen erheblichen Anteil der Sendezeit ausmacht: Mit knapp 40 % führen VOX und RTL das Ranking an, dicht gefolgt von Sat.1 (30 %) aus der Unterföhringer ProSiebenSat.1-Gruppe.

Am profitabelsten für die Sender sind sogenannte Scripted-Reality- oder skriptaffine Formate in der Machart von Gerichtsshows (»Richterin Barbara Salesch«), Personal-Help-Sendungen (»Die Super-Nanny«) und Doku-Soaps (»Hotel Mama«). Bewusst werden hier die Grenzen zwischen Realität und Fiktion aufgeweicht, um dem Plot beim Zuschauer Authentizität zu verleihen. Auf diese Weise ist für das Publikum häufig nicht einmal nachprüfbar, ob eine bestimmte Sendung tatsächlich »Wirklichkeit« abbildet oder einem Drehbuch folgt.

Damit unterscheidet sich das Subgenre von »reinen« Reality-Formaten wie etwa
Castingshows (»Germany’s next Topmodel«, »Deutschland sucht den Superstar«), Spielshows (»Wer wird Millionär?«, »Schlag den Raab«) oder Real-Life-Experimenten (»Big Brother«).
Auf Seiten der Produzenten ist die Popularität des Formats den günstigen Produktionskosten im Verhältnis zu hohen Einschaltquoten geschuldet. Anders als bei Castingshows, wo der Erfolg des Formats häufig von der Verpflichtung populärer, meist hochbezahlter Juroren und Showmaster abhängt, kann für »Scripted Reality« auf Laienschauspieler zurückgegriffen werden.

Die Faszination des Publikums ist auf psychologische Effekte zurückzuführen wie etwa eine größere Identifikation mit den Protagonisten. Stark sentimental eingefärbte Inhalte aus dem »Alltagsleben« lassen hier die Emotionen hochkochen.

© 2000-13 Messe Treff Verlag