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Endstation Unterföhring

Deutsches Privatfernsehen 25 Jahre nach dem Urknall

Switch

Langlebiger ProSieben-Comedy-Klassiker: »Switch«

»Sie sind in dieser Minute Zeuge des Starts des ersten deutschen privaten Fernsehveranstalters.« Mit diesen Worten startete Jürgen Doetz am 1. Januar 1984 in einem Ludwigshafener Kellerstudio die »Programmgesellschaft für Kabel- und Satellitenrundfunk« (PKS), aus dem 1985 Sat.1 hervorgehen sollte. Nach Mainz und Berlin kommt der erste deutsche Privat-TV-Sender 2009 in Unterföhring bei München an. Seit 25 Jahren ist das Privatfernsehen mittlerweile auf Sendung und hat den deutschen Fernsehmarkt gründlich aufgemischt.

Wie bedeutsam das Privatfernsehen für den Wirtschaftsstandort Bayern ist, betont Ministerpräsident Horst Seehofer: »Für unser duales Rundfunksystem ist es wichtig, dass die privaten Sender gut aufgestellt sind und wir in Deutschland mit ProSiebenSat.1 einen weiteren großen, auch international tätigen Medienkonzern haben.« Dieser betreibt bereits seit Jahren von Unterföhring aus mit ProSieben, kabel eins und dem Nachrichtensender N24 einige der größten deutschen TV-Sender und bereichert mit Spartenkanälen wie 9Live oder dem Deutschen Wetter Fernsehen die Angebotspalette im Fernsehen.


Andreas Bartl

»Sat.1, ProSieben und kabel eins gemeinsam in München, das ist für mich die wichtigste Entscheidung, die wir im deutschen Markt je getroffen haben. Unterföhring mag für manche nur ein Vorort sein, aber hier findet man eine in Deutschland unvergleichliche Dichte kreativer TV-Macher.«

Andreas Bartl, Mitglied des Vorstands ProSiebenSat.1 Media AG


Anke Engelke

»Ladykracher« Anke Engelke

 

Pro Sieben

Die Konzernzentrale von ProSieben in Unterföhring

 

Popstars

Top oder flop? Die gnadenlose Jury der ProSieben-Casting-Show »Popstars«

Sendestart 1984

Dabei hatte das deutsche Privatfernsehen recht bescheiden begonnen. Den PKS-Sendestart konnten damals nur 1.200 Haushalte überhaupt empfangen, als Teil des Ludwigshafener Kabelpilotprojekts. Ab dem 1. April 1984 konnte PKS auch über das Kabelpilotprojekt München verfolgt werden. Die Möglichkeit, über das Kabel zu senden, nutzte von Anfang an auch der erste deutsche Musiksender Musicbox, der seinen Sitz in München hatte. RTL plus strahlte dagegen sein Programm von Anfang an – mangels deutscher Lizenz von Luxemburg – terrestrisch aus und erreichte somit immerhin schon 200.000 Haushalte.
Bereits wenige Jahre später wurden deutschlandweit neue Programme aus der Taufe gehoben oder kleine Spartenkanäle zu Vollprogrammen ausgebaut. 1987 ging der Sender Eureka TV in München auf Sendung, aus dem nur zwei Jahre später ProSieben hervorgehen sollte, 1988 wurde aus Musicbox Tele 5. 1989 folgte außerdem der europäische Sportkanal Eurosport.

In den 1990er Jahren erlebte der private Rundfunk dank der zunehmenden Verbreitung per Satellit einen wahren Boom. München entwickelte sich während dieser zweiten Welle neuer Fernsehsender wie dem Deutschen Sportfernsehen DSF, RTL II, tm3 oder dem Homeshoppingkanal H.O.T. zum wichtigsten Standort. 2002 fand der Relaunch von Tele 5 unter der Federführung des alten und neuen Programmchefs Jochen Kröhne statt, und seit 2005 sendet Das Vierte aus München. 2006 ging mit DMAX ein auf männliche Zuschauer zugeschnittener Kanal auf Sendung.
Auch Pay-TV wurde in Deutschland vorangetrieben: Schon 1986 ging in Hannover der Teleclub, on air aus dem 1991 in München Premiere hervorgehen sollte. 1996 startete Leo Kirch, der bereits an den Sendern Sat.1, DSF und ProSieben beteiligt war, zusammen mit Rupert Murdoch das digitale Fernsehangebot DF1, das mit Premiere fusionierte.

Wettbewerb der Standorte

Der wachsende Markt löste naturgemäß einen Wettbewerb der Standorte aus. Die Münchner Vororte Unterföhring, Ismaning und Grünwald erlebten so in kürzester Zeit einen unvergleichlichen Aufschwung, der ohne die Entstehung der Privatsender nicht denkbar gewesen wäre.
Den Kampf um Marktanteile und Werbeeinnahmen überlebten nicht alle Senderneugründungen, manche wurden umgebaut und unter neuen Namen »wiederbelebt«: Das markanteste Beispiel ist wohl tm3, das sich vom Frauenkanal zum »Champions-League-Sender« wandelte, bevor es 2001 zum ersten deutschen »Mitmachsender« 9Live mit Call-In-Sendungen mutierte.

Seit der Digitalisierung des Fernsehens ab 2004 ist das Angebot nahezu unerschöpflich und bietet für jeden Geschmack etwas: Die vier Programme des in München ansässigen Discovery Channel etwa widmen sich unterhaltsamen Dokumentationen. Die ProSiebenSat.1-Gruppe startete mit Sendern wie Sat.1 Comedy oder kabel eins Classics eigene digitale Spartenangebote. Außerdem wurde mit dem Maxdome ein Video-on-Demand-Portal ins Leben gerufen, über das internationale Spielfilme wie eigenproduzierte Serien abgerufen werden können.


Richterin Barbara Salesch

Sat.1 war Vorreiter der Gerichtsshows: »Richterin Barbara Salesch« und ihr Team

 

Zeitleiste

Die Entwicklung des deutschen Privatfernsehens seit 1984

 

Billig und auffälllig

Heute ist dies kaum noch vorstellbar: Vor 1984 gab es tatsächlich nur drei TV-Programme – und einen täglichen Sendeschluss. Jede Sendung wurde von einem Ansager eingeleitet, das Kinderprogramm war pädagogisch wertvoll, und allabendlich versammelte sich die Nation vor der »Tagesschau«. Plötzlich jedoch wurde der Bildschirm von Cartoons und Musikclips, barbusigen Tänzerinnen oder lärmenden Talkrunden erobert. Die frühen Programme der Privaten sahen tatsächlich wenig seriös aus; sie mussten billig sein und möglichst viel Aufsehen erregen. Filmrechte-Händler Herbert Kloiber erinnert sich an die Anfänge seines Senders Tele 5: »Da saß ein Team in der ehemaligen Münchner Fleischhauerei, wo Franz Josef Strauß gelernt hat, und die Moderatoren haben die Nachrichten in der Auslage gesprochen. Das war quasi das erste gläserne Studio in München, nicht größer als 20 Quadratmeter.«

Den Privaten gelang das Kunststück, den Zuschauer selbst zum Star zu machen. Formate wie »Popstars« oder »Big Brother« eroberten massenhaft die Mattscheibe.
Nicht nur die Jagd nach Einschaltquoten färbte auf ARD und ZDF ab. Die Öffentlich-Rechtlichen kopierten zunehmend den Stil der privaten Krawallmacher und übernahmen ganze Formate. ProSieben und Co. reaktivierten zahlreiche Showformen, die schon längst aus der Mode geraten waren: Ideen wie das Frühstücksfernsehen, Mittagsmagazin oder Nachtjournal sowie Talkshows fanden sich auch bald bei der etablierten Konkurrenz. »Natürlich hat das Privatfernsehen Nischen geöffnet, die vorher tabu waren und nicht jedermann gefallen haben,« erklärt der Sat.1-Moderator Hugo Egon Balder dazu. »Es wurden bis dato völlig unbekannte neue Wege gegangen, die die Öffentlich-Rechtlichen nie beschritten hätten und teilweise auch heute nicht beschreiten. Gut, das eine oder andere ist trivial oder auch Schrott, aber wie heißt es so schön: Ein bisschen Schrott ist immer dabei.«

Kritiker vergessen leicht, dass die Privaten das TV-Angebot nicht nur beträchtlich erweitert haben, sondern durchaus auch Qualität liefern. Das gilt vor allem für Nachrichtensendungen und Dokumentationen. So war es die Sendung »Talk im Turm« von Erich Böhme auf Sat.1, die den anspruchsvollen Polit-Talk ins Fernsehen brachte. Der gleiche Sender adaptierte das amerikanische Konzept des satirischen Late-Night-Talks und machte damit Harald Schmidt zum Star. Die Privaten machten sich auch das Konzept des Fernsehspiels zu eigen, polierten es auf und produzierten aufwendige TV-Movies, die jedem Kinofilm zur Ehre gereichen würden.

Eine Umfrage des Marktforschungsinstituts Forsa im Auftrag des Werbevermarkters IP Deutschland brachte ans Licht, dass 90 Prozent der 14- bis 49-Jährigen dem Privatfernsehen ein breiteres Angebot bescheinigen als der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz. Fast 80 Prozent sind überzeugt, dass die Privaten insgesamt frischen Wind in die TV-Landschaft gebracht haben. Dazu kommt, dass das Privatfernsehen die Art des Fernsehkonsums insgesamt verändert hat. Die Vielfalt der Sender hat das Zappen erst möglich und notwendig gemacht.
Laut Herbert Kloiber ist aber mit einer weiteren Generation von TV-Sendern nicht zu rechnen: »Es wird natürlich eine weitere Verspartung geben, die aber in den nächsten drei bis fünf Jahren kaum größere Auswirkungen auf den Gesamtmarkt haben dürfte. Die Frage, mit der wir uns beschäftigen müssen, ist eher, wie sich das Fernsehverhalten der Menschen insgesamt verändert.« Dazu trägt nicht zuletzt das Internet bei, das heutzutage eher für Innovationen sorgt als das Fernsehen. Auf Internet-Portalen wie »My Video« von Pro Sieben hat das Archaische und Freche des frühen Privat-TVs bis heute überlebt.

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